Blogeintrag 21

In Namibia war plötzlich alles anders …

Wir fahren auf der falschen Seite, die Preise im Supermarkt erscheinen uns zu günstig, in der Nacht ist es eisig kalt, sind wir wirklich noch in Afrika? Keine Polizeikontrollen mehr, überall Zäune links und rechts, LKWs, die nicht kurz vorm Kollaps stehen, Straßen ohne Schlaglöcher, niemand schreit uns vom Straßenrand an, moderne Autos, kein nervtötendes Moskitosummen in der Nacht …. WAS IST HIER LOS? VW Bus, wo hast du uns hier hingebracht?

Noch immer sind wir am wilden Kontinent, aber hier im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika scheint alles seine feste Ordnung zu haben. Schlagartig wurde uns bewusst, dass wir ab sofort wieder bestimmten Regeln unterworfen sind.

Siebeneinhalb Wochen haben wir in Namibia verbracht. Vier Wochen davon in der Hauptstadt Windhoek. Karli hat es dort so gut gefallen, dass er gar nicht mehr wegwollte. Das Urban Camp wurde so etwas wie unser neues Zuhause, Joe´s Beerhouse um die Ecke versorgte uns mit Fleisch, das wir doch die letzten Monate so schmerzlich vermisst haben. (ACHTUNG: Für Vegetarier ist Namibia gänzlich ungeeignet!)

Mal ausgenommen von Windhoek, kann man Namibia eigentlich mit drei Wörtern zusammenfassen: Sonne, Einsamkeit, Wellblechpisten. Wellblechpisten der übelsten Sorte.

Naja, bisschen was anderes gibt’s schon auch, wir fassen mal zusammen …

Ein paar Tausend Kilometer haben wir im Land zurückgelegt. Namibia ist riesig und die Distanzen zwischen den Hotspots sind weit, außerdem mussten wir oft mit der Kirche ums Kreuz fahren. Wir mussten auf einer irre langweiligen Asphaltstraße drei Mal nach Windhoek und ein viertes Mal folgt, die Stadt Kamanjab besuchten wir doppelt und in Swakopmund steht noch ein dritter Besuch an. Nicht weil wir das so planten, aber es gibt hier eine höhere Macht auf vier Rädern, die gelegentlich um einen Werkstattbesuch gebeten hat. Da es in Namibia zwar viele Bullis gibt, aber dennoch keine flächendeckende Versorgung mit Ersatzteilen, führte unser Weg also immer wieder wohin, wo wir eigentlich nicht hin wollten 😉 Aber alles der Reihe nach …

Am 20. August, nach der Einreise aus Angola, fuhren wir auf direktem Weg nach Windhoek, da ja unsere Reifen etwas angeschlagen waren. Einer überlebte die letzten Kilometer nicht, nach einem lauten Knall schoss es synchron aus Karli und mir: „jetzt hodsn gnumma“ – österreichisch für „Jetzt ist er kaputt“. Auch die übrig gebliebenen Reifen liefen am Limit und das schwächste Glied hatten wir bereits auf den Reserveradträger verfrachtet. Es fehlte nicht viel und wir hätten mit weniger als vier Reifen nach Windhoek fahren müssen.

Nach dem Reifenplatzer kam zufällig ein Polizist vorbei, drehte um und fuhr zu uns. Wir dachten uns „na super, jetzt bekommen wir bestimmt Probleme“, aber er fragte nur, ob wir Hilfe benötigten, borgte uns seinen Wagenheber und beim Radwechsel meinte er dann nur, dass wir mit diesen Reifen eigentlich nicht mehr weiterfahren sollten. Also auch in Namibia geht´s afrikanisch zu, am Ende ist eigentlich alles wurscht 😉

Einen guten Dienst haben sie dennoch geleistet, unsere Mud Terrain Reifen. Da die Schlammschlacht nun vorbei war, kauften wir fünf neue All Terrain Reifen. Eine gute Wahl wie sich herausstellte, auf unserer letzten Riverbed-Tour über 62 Kilometer durch tiefen Sand und über Stock und Stein rechneten wir in manchen Momenten nicht damit, ohne Reifenschaden rauszukommen. Mensch und Maschine überlebten unversehrt, Glück gehabt! Wir sind also auf bestem Weg mit Stolz sagen zu können, dass wir es ohne „echtem“ Reifenschaden durch Afrika geschafft haben. Aber du sollst ja bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben!

Zurück nach Windhoek …

Die drei Wochen Wartezeit auf unseren Besuch aus der Heimat verbrachten wir im Urban Camp, einem trendigem Camp mit Bar, Restaurant und allem was man so braucht. Karli baute sich in kürzester Zeit ein Netzwerk in der Stadt auf – fast schon grüßten ihn die Leute vom Straßenrand – und verbrachte seine Zeit hauptsächlich mit Busarbeiten. Ich erledigte auch meine Pflichten, ließ aber die Entspannung in der Hängematte nicht zu kurz kommen. Stressig wird’s dann eh zu Hause wieder.

Ich weiß, man starrt eigentlich keine Leute an, aber ich liebe es einfach zu beobachten und so verbrachte ich viele Stunden damit, das Geschehen im Camp zu überwachen. Natürlich hab ich darauf geachtet, dass mich niemand zurückbeobachtet 😉

Im Camp kamen über den Tag verstreut Urlauber an, die entweder am nächsten Tag nach Hause flogen, oder gerade gelandet sind und ihre Reise am nächsten Tag starten. Dann werden Fragen gestellt wie „ist es sicher, vom Camp 500 Meter zu Joe´s Beerhouse zu gehen?“, man fragt sich, ob man das gechlorte Leitungswasser zum Zähneputzen verwenden kann? Wahrscheinlich hätte ich mir genau die gleichen Gedanken gemacht, aber die letzten Monate in Afrika haben auch mich entsprechend abgehärtet.

Ach ja, was mir gerade wieder einfällt: Dass wir körperlich alles so gut vertragen, liegt glaube ich am Salat vom Straßenrestaurant in Burkina Faso. Der war zwar im Nachgang etwas unangenehm, aber er hat unseren Verdauungstrakt extrem widerstandsfähig gemacht. Es ist eben so, wenn der Hunger die Macht über dich ergreift, geraten Grundsätze wie „cook it, peel it or leave it“ schnell in Vergessenheit.

So verging ein Tag nach dem anderen und im Urban Camp stellte sich allmählich ein Heimatgefühl ein.  

Wundern musste ich mich oft, wenn Leute über die Hitze jammerten, während ich im Schlafsack in der Hängematte zitterte. Wenn kurz vor Sonnenuntergang die Mädels mit Hotpants Richtung Joe´s Beerhouse wanderten und ich dem Erfrierungstod nahe stand.

Am 8. September landeten unsere Freunde Verena und Bernhard in Windhoek und erlösten uns vor einem drohenden Lagerkoller. Nach einer weiteren Nacht im Urban Camp ging es los Richtung Norden in den Etosha Nationalpark. Es war schön, wir haben Tiere gesehen, aber extra nach Namibia kommen muss man dafür nicht. Fotos gibt´s natürlich trotzdem …

Manchmal, wenn mich ein ungutes Gefühl verfolgt, mache ich einen Rundgang um den Bus und prüfe jene Teile, von denen ich weiß wie sie heißen und an welchem Platz sie sein sollten. Bei meinem Rundgang nach der zweitägigen Fahrt durch den Etosha Park stellte ich fest, dass der rechte hintere Stoßdämpfer nicht überlebt hat. Kein Wunder bei diesen Straßenzuständen. Alles was nicht geteert ist, ist in der Regel Wellblech. Nicht nur im Etosha Park, sondern in ganz Namibia. Und dieses Wellblech ist so nervtötend, dass du irgendwann die Beherrschung verlierst. Alles wird kaputt und du kannst förmlich dabei zuhören.

Karli freute sich zwar nicht über meine Auskunft „Schatzi, da schaut was komisch aus“, aber er meinte, dass wir weiterfahren können. Ich glaube in dem Moment schrie er lautlos „ICH FAHRE JETZT SICHER NICHT NACH WINDHOEK ZURÜCK!!!“

Da es am Weg lag, fuhren wir dann doch einen kleinen Umweg in die Stadt Kamanjab, wo es eine Werkstatt gibt. Dort verbrachten wir zwei Nächte im Camp Oppi Koppi, wo es die beste Pizza weit und breit gab und Langzeitreisende mit fremdem Nummernschild kostenlos campen dürfen. Eine Oase!

Am Anfang sah es ganz gut aus, der Besitzer bestellte neue Dämpfer aus Windhoek. Am nächsten Tag um 5 Uhr morgens sollten sie eintreffen. Daraus wurde dann doch 5 Uhr Abends und nach einem Tag auf dem Vorplatz der Werkstatt stellte Karli fest, dass es leider auch die faschen Teile sind. Pech gehabt, weiter geht’s.

Wir fuhren also ohne neue Dämpfer weiter Richtung Epupa Falls, ganz im Norden an der Grenze zu Angola. Es ging durch das paradiesische Khowarib-Flussbett, wo wir das erste Mal Tiere in freier Wildbahn sahen. Das ist noch mal ganz was anderes als im Nationalpark …

Ein bisschen beklemmend ist es allerdings schon, wenn nicht unweit von einem entfernt ein Elefantenbulle steht. Zwar sind Elefanten per se keine aggressiven Tiere, aber alleine der Gedanke, dass es für ein ausgewachsenes Tier eine Leichtigkeit wäre, dein Auto umzuschmeißen, lässt doch etwas Unbehagen aufkommen.

Nach der Fahrt durchs Flussbett beschloss Karli nicht mehr weiterzufahren und an dieser Stelle die gemeinsame Tour notgedrungen abzubrechen. Zu groß ist das Risiko, dass noch mehr kaputt wird und wir auch den Urlaub unserer Freunde dadurch negativ beeinflussen. Das ist halt so, wenn man mit KG Pichler Tours seinen Urlaub bucht, weiß man am Ende nie, was passiert 😉

Wir ließen den Bus 60 Kilometer von den Wasserfällen entfernt bei einer Polizeistation stehen und fuhren im Mietauto mit. Gut, dass wir nicht selbst gefahren sind, die Piste war ein Albtraum, da hätten wir uns wahrscheinlich auch noch alle anderen Stoßdämpfer ruiniert, aber gelohnt hatte sich der Ausflug auf jeden Fall …

Für Verena und Berni ging es anschließend weiter nach Westen, tiefer hinein ins Kaokoland, für uns in zwei Tagen zurück in den Süden nach Windhoek ins Urban Camp.

Kurz vor der Ortseinfahrt nach Okahandija, 60 Kilometer vor Windhoek, ging plötzlich der Motor aus. Leider konnte Karli auch nach intensiver Inspektion den Fehler nicht finden. Zum Glück aber hielt sofort ein Auto an und die freundlichen Leute boten an, jemanden zu holen, der uns helfen kann. Kurze Zeit später kam ein deutsch sprechender Herr an mit einem Helfer. Zwar konnten auch die beiden den Fehler nicht sofort lokalisieren, aber sie boten uns an, den Bus abzuschleppen. Zehn Minuten später kamen die beiden in einem VW Bus zurück, schon mal ein guter Anfang, und schleppten uns in ihre nahe gelegene Werkstatt, „Wucher´s Garage“, einem Paradies für Karli. VW T3s so weit das Auge reicht. Das muss man sich mal vorstellen: Unser Motor geht aus, wir können nicht mehr weiterfahren. Und zwar genau in dem Augenblick, als wir bei der Stadt vorbeifahren, mit der in Namibia wahrscheinlich einzigen Syncro-Werkstatt. Wir sprechen hier von Göttlicher Fügung.

In Afrika bist du nie alleine, egal in welcher Lage du dich befindest. Es kommt immer jemand vorbei und bietet dir Hilfe an. Selbst wenn wir nur am Straßenrand stehen und die Reifen aufpumpen, es hält jedes Mal jemand an und fragt uns ob alles in Ordnung ist. Wenn es um die Hilfsbereitschaft geht, ist Afrika ganz vorne dabei, da könnte sich unsereins ruhig mal eine Scheibe davon abschneiden.

Das Problem war schnell gelöst, der ganze Sand und Staub kroch in jede noch so kleine Ritze und legte den Starter lahm. Warum deswegen auch der Motor ausging, ist bis heute ungeklärt. Als der Motor dann aber wieder nicht ansprang, baute Karli kurzerhand den Starter aus und entfernte auch den Staub aus der Kupplung. Nach Einbruch der Dunkelheit war der Bus wieder abfahrbereit und wir schafften es tatsächlich noch nach Windhoek.

Mit einem „Hi guys, when did you arrive? Welcome back to Urban Camp!“, wurden wir VIP-mäßig begrüßt und fühlten uns sofort wieder wie Zuhause.

Karli konnte dank seines ausgezeichneten Netzwerks in der Stadt tatsächlich neue Dämpfer finden und wir konnten uns ein paar Tage später auf den Weg an die Küste nach Swakopmund machen, wo wir uns wieder mit unseren Freunden trafen.

Die gemeinsame Zeit in Namibia neigte sich schon wieder dem Ende zu, abschließend entschieden wir noch durch die Dünenlandschaft der Namib-Wüste nach Sandwich Harbour zu fahren. Die Autos im ersten Gang durch die Dünenlandschaft zu jagen, macht immer wieder aufs Neue Spaß, Schaufeln inklusive …

Da uns Verena neue Rotorblätter für unsere Drohne mitbrachte, konnten wir sie das erste Mal seit Mauretanien wieder steigen lassen. Das Dünenmeer eignete sich hier besonders gut. Nur leider waren wir nicht alleine und ein schlecht gelaunter Tourguide, der uns schon außerhalb des Nationalparks darauf hinwies, dass wir hier nicht sein dürfen, suchte uns im Dünenmeer, sah die Drohne und teilte uns mit, dass er einen Ranger zum Gate bestellt, wo wir dann Probleme bekommen werden. Alles klar, danke.

Wir wissen zwar nicht, wie er drauf gekommen ist, dass wir hier nicht sein dürfen, immerhin hatten wir ein Permit für diese Gegend, aber nachdem er uns mit Touristen auf der Rückbank erklärte, dass er keine Touristen mag, weil die sich nie an Regeln halten, kamen wir zu der Erklärung, dass er vielleicht keinen guten Tag hatte und wir fuhren weiter.

Natürlich wartete kein Ranger auf uns beim Gate. Der Anruf mit dem Satellitentelefon dürfte ihm dann doch zu teuer gewesen sein.

Nach einer Nacht in Walvis Bay ging es für uns zum dritten Mal retour nach Windhoek. Wir suchten uns allerdings eine Strecke aus, die wir noch nicht kannten und landeten einen Volltreffer. Ja, auch hier gab es ausreichend Wellblech, aber die traumhafte Kulisse lenkte zumindest etwas vom Scheppern ab …

Verena und Bernhard flogen am 25. September wieder nach Hause und wir machten uns fit für den nächsten Versuch in den Norden ins Kaokoland zu kommen, unser letztes geplantes Abenteuer in Namibia.

Wir schließen diesen Beitrag mit einem traumhaften Sonnenuntergang inmitten der unendlichen Weite Namibias …

Wie es in Namibia weiterging, erfährt ihr im nächsten Beitrag …

Schöne Grüße aus Rundu,

A+K

Kategorien: Namibia

2 Kommentare

Elias Eder · 16. Oktober 2018 um 11:59

Immer wieder erfrischend und spannend eure Erzählungen zu lesen. 🙂

Lukas · 6. November 2018 um 14:52

Hallo ihr Lieben,
Tolle Reiseberichte! 🙂 Wir waren letztes Jahr auf Transafrika-Reise auf einer ähnlichen Route unterwegs und ihr seid sicherlich schon einmal in der iOverlander App über uns gestolpert. Auf jeden Fall sitzen wir zuhause in den Alpen und vermissen Afrika, wenn wir eure Berichte und Bilder so lesen.
Genießt weiterhin jede Sekunde!
Liebe Grüße, Anja und Lukas von afrika-drimslar.de

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